Aus dem Bombenkrieg in die Kinderlandverschickung
Die Erweiterte Kinderlandverschickung (KLV)
im Ruhrgebiet während des Zweiten Weltkriegs

Forschungsprojekt von

Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach

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Ausstellungsprojekte

Aus dem Bombenkrieg in die Kinderlandverschickung - Die Erweiterte Kinderlandverschickung (KLV) im Ruhrgebiet während des Zweiten Weltkriegs.
Konzeption und Realisierung der Begleitausstellung in der Universitätsbibliothek Dortmund zu "Verbrechen der Wehrmacht - Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Dortmund (18.9.-2.11.2003)

Heimat ade! Kinderlandverschickung im "Dritten Reich"
Wissenschaftliche Fachberatung und konzeptionelle Mitarbeit an der Wanderausstellung des Historischen Centrums Hagen (1999-2002, u.a. präsentiert in Hagen, Herne und Duisburg)

Buchpublikationen zum Thema

- Deutschland Archiv / Drittes Reich-Dokumente: Die Erweiterte Kinderlandverschickung (KLV) 1940-1945, Braunschweig 2003.
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Flucht vor Bomben : Kinderlandverschickung aus dem östlichen Ruhrgebiet im 2. Weltkrieg, Hagen 2002.
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Der Luftterror geht weiter - Mütter schafft eure Kinder fort!, Bochum, 2001.
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Heimat ade! – Die Durchführung der Erweiterten KLV in der Stadt Hagen während des Zweiten Weltkriegs, Hagen 1998 (Hagener Stadtgeschichte(n), Bd. 7).

Die größte Binnenwanderung der Menschheit

Die erstmals im Zweiten Weltkrieg praktizierte massenweise Evakuierung von Kindern (wie auch anderen Zivilpersonen) aus den luftkriegsgefährdeten Städten aufs Land ist eine eigentümliche Erscheinung des modernen, durch den massierten Einsatz der Luftwaffe gegen zivile Ziele gekennzeichneten Kriegs. Auch in Großbritannien wurde von dieser vorsorglichen Schutzmaßnahme Gebrauch gemacht.Abfahrt vom Hauptbahnhof Herne, 1. August 1941

Im Deutschen Reich ordnete ein am 27. September 1940 von Reichsleiter Martin Bormann allen obersten Reichs- und Parteistellen mitgeteilter, streng vertraulicher „Führerbefehl" Adolf Hitlers die „Landverschickung" der Kinder und Jugendlichen aus den luftkriegsgefährdeten Gebieten in andere, ruhigere Gegenden des Deutschen Reiches an. Zu diesem Zeitpunkt ahnte jedoch niemand, welches ungeheure Ausmaß und welche fürchterliche Zerstörungskraft der alliierte Luftkrieg gegen Deutschland mit seinen konzentrierten Flächenbombardierungen der Städte im Verlauf des Krieges noch annehmen würde.

Die Verschickungsmaßnahme war seinerzeit aber in erster Linie auch aus psychologischen Gründen befohlen worden und sollte vornehmlich zur Beruhigung der durch die ersten Bombenabwürfe aud deutsche Städte aufgeschreckten Zivilbevölkerung dienen. Auch ahnte damals noch niemand, daß diese im amtlichen Sprachgebrauch euphemistisch dann als „Erweiterte Kinderlandverschickung" (KLV) bezeichneten Evakuierungsmaßnahme sich im Verlauf des Kriegs zur gößten Binnenwanderung in der Geschichte der Menschheit ausweiten würde.

 

Drei Gruppen und zwei Phasen

Bei den von der KLV erfaßten Personen unterschied man von Anfang an drei Gruppen: 1. Mütter mit Kleinkindern, die vornehmlich auf dem Land bei Familien Unterkunft fanden; 2. Kinder bis zu zehn Jahren, die ausschließlich in sog. Pflegefamilien gegeben wurden und die Schule am Aufnahmeort besuchten; und 3. Jugendliche ab zehn Jahren bis zum jeweiligen Schulabschluß, die möglichst klassen- oder schulweise verschickt und grundsätzlich in KLV-Lagern untergebracht. Dort sollten sie von mitverschickten Lehrkräften ihrer Heimatschulen bzw. ihres Heimatortes unterrichtet werden.

Für den Transport aller drei KLV-Gruppen sowie außerdem für die Unterbringung der vorschulpflichtigen Kinder sowie der Kinder der ersten vier Schuljahre in den Pflege- bzw. Gastfamilien war die NSV zuständig. Um die Unterbringung der Kinder vom fünften Schuljahr an kümmerte sich dagegen die HJ.

Die KLV-Aktion im Zweiten Weltkrieg weist jedoch zwei zu unterscheidende Phasen auf. In der ersten, von Anfang 1941 bis zum Frühjahr/Sommer 1943 reichenden Phase, erfolgte die Teilnahme an der KLV nicht nur in der Theorie, sondern weitgehend auch in der Praxis aufgrund freiwilliger Meldung. Da jedoch zumeist nur einige Mädchen und Jungen aus einzelnen Klassen für die KLV gemeldet wurden, kam es in dieser Zeit erst gegen Ende und nur in Einzelfällen zur Verschickung ganzer Klassen oder Schulen. Das änderte sich in der zweiten Phase ab dem Fürhjahr/Sommer 1943. Nunmehr erfolgte als Reaktion auf die sich verschärfende alliierte Luftoffensive im Rahmen der nochmals erweiterten Kinderlandverschickung verstärkt die bereits in dem Rundschreiben vom 27. September 1940 als wünschenswert bezeichnete Verlegung ganzer Klassen und Schulen auch tatsächlich und in größerem Umfang.

KLV-Lager Schliersee/Oberbayern, 13.10.1943In den wegen erhöhter Luftkriegsgefährdung von einer (vorsorglichen) allgemeinen Räumungsmaßnahme und der damit verbundenen Schließung sämtlicher allgemeinbildenden Schulen am Ort betroffenen Städten (dazu zählten vor allem die Städte in dem als „Waffenschmiede" des Deutschen Reiches von den alliierten Luftflotten im Zweiten Weltkrieg besonders heftig und anhaltend bombardierten Ruhrgebiet) wurden jetzt sogar ganze Schulsysteme geschlossen in die KLV verschickt.

Die Freiwiligkeit der Teilnahme an der KLV-Aktion war in dieser Zeit weitgehend theoretischer Natur. Abgesehen von dem auf die Eltern hinsichtlich der Erteilung ihrer Zustimmung zur Verschickung ihrer Kinder ausgeübten vielfältigen direkten und indirekten massiven Druck, hatten sie in den Orten, für die eine allgemeine Schulschließung und Schulverlegung angeordnet worden war, akum eine echte Wahl. Wer nicht die Möglichkeit hatte, seine Kinder bei Verwandten oder Bekannten in einer nicht luftkriegsgefährdeten Gegend unterzubringen, mußte sie, wenn er sich nicht des Verstoßes gegen die nach wie vor bestehende gesetzliche Schulpflicht schuldig machen oder seinen Kindern die Fortsetzung ihrer Schulausbildung verwehren wollte, zwangsläufig mit ihrer Schule in die KLV fahren lassen.

Über zwei Millionen Verschickte

Ankunft am Hauptbahnhof Herne, 4. August 1946Über den zahlenmäßigen Umfang der im Rahmen der sog. Erweiterten Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkrieges evakuierten Kinder gibt es keine gesicherten Angaben. Nach den Schätzung des letzten Leiters der Reichsstelle-KLV, Gerhard Dabel, sollen im Deutschen Reich bis Kriegsende rd. 2,8 Millionen Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 18 Jahren in bis zu 9.000 KLV-Lagern verschickt worden sein. Dazu kämen schätzungsweise noch 3 Millionen im Rahmen der KLV verschickte sechs- bis zehnjährige Kinder, Kleinkinder und Mütter. Eine jüngste Studie nimmt eine niedrigere Gesamtzahl der KLV-Evakuierten an. Doch auch nach dieser Schätzung soll im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die immer noch gewaltige Zahl von über 2 Millionen Kindern im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung „umquartiert" worden sein, wie es damals amtlich genannt wurde.

Unterschiedliche KLV-Erfahrungen

Die von der im Rahmen der KLV seinerzeit verschickten Mädchen und Jungen gemachten Erfahrungen sind sehr individuell und höchst unterschiedlich. Viele erfuhren diese Zeit fern vom Bombenkrieg jedoch als recht angenehm, für einige war es sogar der schönste Abschnitt ihres Lebens. Andere wiederum erlebten ihren KLV-Aufenthalt als eine schlimme und leidvolle Phase, die sie ihr ganzes weiteres Leben belastet hat.

Im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts über den „Luftkriegsalltag im Ruhrgebiet 1939-1945" erarbeitet Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach zur Zeit eine Dokumentation über die Durchführung der KLV in den Ruhrgebietsstädten 1941-1945. Hierfür werden vor allem auch Erinnerungsberichte ehemaliger KLV-Teilnehmerinnen und –Teilnehmer aus den Ruhrgebietsstädten, private Unterlagen (z.B. Tagebücher und Briefe) sowie Fotos gesammelt und gesucht.

Einrichtung eines KLV-Archivs

Das Archiv sammelt alles, was mit dem Thema KLV zu tun hat. Dies gilt vor allem für:

Die Objekte können entweder als Schenkung oder Dauerleihgabe übergeben werden und sind für alle Interessierten zugänglich. Auch eine Bibliothek, die sich mit dem Thema befaßt, wird aufgebaut.
Ansprechpartner ist das Historische Centrum Hagen (Wippermann-Passage, Eilper Straße 71-75, 58091 Hagen / Telefon: 02331/207-2740 / Fax: 02331/207-2447)

Anschrift:

Prof.  Dr. Gerhard E. Sollbach
Historisches Institut der Universität Dortmund
44221 Dortmund
Tel. und Fax: 0231/755-4146